Sonntag, 24. April 2016

Rezension: "Vincent" von Joey Goebel

Hallo liebe Lesedetektive,

neulich habe ich auf einem Flohmarkt ein etwas älteres Buch von Joey Goebel entdeckt. Da mich "Ich gegen Osborne" (*klick* zur Rezension) so begeistert hat, kann ich nun von einem weiteren Schatz in meinem Bücherregal sprechen. Hier ist meine Rezension:



Lesedetektiv - Vincent

Originaltitel: Torture the Artist

Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 431
Erscheinung: 2007

Thalia






Handlung

Ein alter, todkranker Mann: Foster Lipowitz hat ein Medienimperium geschaffen, den Markt mit sinnfreien Popsongs, miesen Filmen und zynischen Fernsehserien überschwemmt – und damit ein Vermögen verdient. Er bereut, was er der Kultur angetan hat, und will am Ende seines Lebens der Menschheit etwas Gutes tun. Ein Plan: In den Kornfeldern des Mittleren Westens gründet Lipowitz eine Schule, auf der hochbegabte Kinder zu echten Künstlern erzogen werden sollen. Und da er weiß, dass Kunst von Kummer kommt, sorgt er dafür, dass seine Schüler davon nie zu wenig haben. Ein dunkler Schutzengel: Um die schmutzige Arbeit kümmern sich ›Beschützer‹, die den Schülern zugewiesen werden. Wie etwa Harlan, ein von der Branche enttäuschter Ex-Musiker. Und er nimmt seine Arbeit sehr ernst. Ein Opfer: Vincent Spinetti, der talentierteste Schüler von allen. Dank Harlans unablässigen Bemühungen, Vincents Leben mit Katastrophen anzureichern, erfüllt das Genie alle Erwartungen. Je tiefer Vincent im Kummer versinkt, desto höher seine Kunst. Eine unwahrscheinliche Freundschaft: Kaum zu glauben – im Laufe der Jahre werden Vincent und Harlan Freunde. Aber Vincent weiß nicht, was Harlans Auftrag ist ... Ein Autor mit einer einzigartigen Stimme, der spielend den Spagat schafft zwischen Leichtsinn und Schwermut, zwischen Satire und Poesie.

Meine Meinung

Nachdem mich "Ich gegen Osborne" so positiv als Leseerlebnis selbst, aber auch von der Nachhaltigkeit her überrascht hat, waren meine Ansprüche an "Vincent" natürlich dementsprechend hoch. Ich erwartete also einen ironisch erzählten, gesellschaftskritischen Leckerbissen, dessen Zucker zum Nachdenken anregt. Wie ich bereits in einer Rezension der ZEIT lesen konnte, übertrifft sich Joey Goebel immer wieder selbst.

Mit seinen über 400 Seiten liegt der Roman relativ im Schnitt der heutigen Länge von vielen Büchern, doch wird dem Leser so viel Verschiedenes geboten, das sich letztlich aber wieder zu einem Kreis schließt. Daher habe ich den Aufbau, den ich besonders interessant finde, einmal in verschiedene Abschnitte eingeteilt.
So ist der erste Abschnitt ziemlich lang und beschäftigt sich viel mit dem Leben von Vincent. Mit seiner für ihn typischen ironischen Schreibweise schildert Goebel die Sicht des Protagonisten Harlan auf die derzeitige Gesellschaft. Der Leser wird zum Lachen gebracht und gut unterhalten, doch ist dies noch längst nicht alles, was Goebel zu bieten hat.
Plötzlich nämlich entwickelt sich der Roman zu einer Art Roadbook, was beim Leser natürlich für einiges an Verwirrung sorgt. Auch ich war an diesem Punkt reichlich verstört, kritisiert doch Goebel den gesamten Rest über gerade diese Plattheit von Medien.
Aber an alle Leser da draußen: Diese Verwirrung ist richtig und gut! Denn sie ist notwendig und dient als Zündstoff für die Atombombe, die Goebel daraufhin zündet. Mit allein zwei Sätzen verleiht der Autor dem gesamten bisherigen Buch eine Ernsthaftigkeit und Traurigkeit, wie ich sie niemals hätte kommen sehen. Fantastisch dabei ist, dass im Nachhinein betrachtet etliche Anspielungen in der Ironie verborgen waren, die der Traurigkeit einen melancholischen Beigeschmack geben. Dennoch bleibt "Vincent" sein Witz beibehalten.
Wer nach diesem Knüller schockiert ist, darf sich auf die letzten zwanzig Seiten gefasst machen. Natürlich liefert der Autor nicht noch eine große Enthüllung - das wäre auch fatal - vielmehr unterstützt er die Erkenntnis des Lesers noch mit einer Fortsetzung der Story, die sich zunehmend in eine metaphorische Ebene steigert. Gipfel des Romans ist der letzte Absatz, der als reine Metapher zu verstehen ist und dem Leser Freiraum für Interpretationen lässt.

Fazit

Insgesamt lässt sich sagen, dass "Vincent" sowohl stilistisch als auch gesellschaftsorientiert ein Meisterwerk ist. Dem Leser wird zunächst das Gefühl von Unterhaltung mit ironischen Pointen gegeben, doch schafft Goebel es, dem Roman mit zwei Sätzen einen vollkommen ernsthaften Sinn zu verleihen, ohne apodiktisch zu sein. Im Gegenteil, durch den metaphorischen Schluss ist dem Leser viel Freiraum für eigene Überlegungen überlassen.
Eine ganz ganz heiße Empfehlung!


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5 von 5 Sternen

Kommentare:

  1. Wow, ich bin platt! Eine tolle Rezension!

    Ich habe das Buch erst vor kurzem gelesen und gestern rezensiert und mir hat es leider nicht so ganz gut gefallen.

    Es ist ein gutes Buch und definitiv ein toller Ansatz. Um wirklich top zu sein, fehlte mir aber die Tiefe der Figuren und ein aufschlussreicheres Ende. Die Welt, die er skizziert ist schon eine, die wir, wenn es um die negativen Seiten in Hollywood geht, im Hinterkopf haben, denke ich. Trotz der Themas ist es leicht. Der Stil gefällt mir also an sich sehr gut.

    Nach deinem Beitrag überlege ich tatsächlich, es noch einmal zu lesen!


    Liebe Grüße
    Katharina
    von Großstadtgedanken

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    1. Hallo Katharina,

      das freut mich, dass ich dich vielleicht sogar dazu bewegen konnte, "Vincent" nochmal eine Chance zu geben!
      Ich habe auch verschiedene Meinungen bereits gelesen, es scheint also tatsächlich gemischt anzukommen. Aber ist es nicht auch ein Gütesiegel für ein Buch, wenn darüber diskutiert wird? :)

      Vielen Dank für deinen lieben Kommentar!

      Liebe Grüße,
      Buchdetektiv

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